Stolpersteine für Dr. Carl und Jenny Kahn

Kahn, Dr. Carl und Ehefrau Jenny


Biografische Daten:

Stolpersteine für Dr. Carl und Jenny Kahn
Stolpersteine für Dr. Carl und Jenny Kahn
Name:Dr. Kahn, Carl und Ehefrau Jenny, geb. Marx
Geboren:11. August 1878 in Ranstadt und 26. Januar 1879
Beruf:Praktischer Arzt, als Bahnarzt tätig
Wohnort:zuletzt: Nied, Oeserstraße 54
Bahnbeginn:nicht bekannt
Gewerkschaft:nicht bekannt
Funktion:keine bekannt
Partei:nicht bekannt
Funktion:keine bekannt
Widerstand:nichts bekannt
Verfolgung:Ab April 1933 nur noch gestattet als Arzt zu praktizieren, da er am Ersten Weltkrieg als Soldat teilgenommen hatte; infolge der Novemberpogrome Festnahme am 10. November 1938 und Verschleppung ins KZ Buchenwald, bis 28. November 1938
Gestorben:Das Ehepaar Kahn wird durch die nationalsozialistischen Drangsalierungen in den Tod getrieben. Am 10. Juni 1942 scheiden beide aus dem Leben.

Gedenken:

Begraben wurde das Ehepaar Kahn auf dem jüdischen Friedhof in Eckenheim.

Auf dem Mahnmal für die Opfer des Faschismus, das in Nied bereits 1947 vor dem Friedhof aufgestellt wurde, sind Carl und Jenny Kahn verzeichnet. Außerdem wurde der Platz vor dem Friedhof 1992 nach ihnen benannt.

Vor dem einstigen Wohnsitz der Familie Kahn im heutigen Frankfurt-Nied wurden am 6. November 2010 zwei Stolpersteine verlegt, die an das verfolgte Ehepaar erinnern.


Biographie

Dr. Carl Kahn wurde im hessischen Ranstadt geboren und kam 1904 nach Nied. Dort heiratete er die aus Biebrich stammende Jenny Marx. Ihre Wohnung und Arztpraxis waren damals in der Hauptstraße 15 („Alt Nied“). Dort kam 1904 auch ihre Tochter Else zur Welt.

Dr. Kahn meldete sich im August 1914 zu Beginn des Ersten Weltkrieg sofort als Freiwilliger. Für seinen Einsatz wurde er mit dem „Eisernen Kreuz“ erster Klasse ausgezeichnet. 1928 heiratete die Tochter Else den 1903 geborenen jüdischen Arzt Dr. Hans Goldschmidt. Im gleichen Jahr kaufte Dr. Kahn Haus und Garten in der Oeserstraße 54. Dort lebte das junge Paar. Dr. Goldschmidt eröffnete dort außerdem seine Praxis. Mit der Verordnung vom 20. April 1933, in der es heißt, „die Tätigkeit von Kassenärzten nichtarischer Abstammung […] wird beendet“, erhielt Dr. Goldschmidt Berufsverbot, während Dr. Kahn, da er Weltkriegsteilnehmer war, noch praktizieren durfte. Seine jüdische Abstammung bedeuteten jedoch für ihn und auch seine Patienten andauernde Drangsalierungen. Die Goldschmidts hatten inzwischen zwei Töchter im Alter von zwei und vier Jahren. Mit Hilfe eines Cousins verließ Hans Goldschmidt im Mai 1937 Deutschland, um in den USA die Voraussetzungen für das Asyl seiner Familie zu schaffen.

Im September 1937 endete auch die „Schonfrist“ für jüdische Ärzte, die im Ersten Weltkrieg als Soldaten gekämpft hatten. Sie verloren ihre Krankenkassenzulassung und ihre Approbation, also die staatliche Zulassung, nun endgültig. Carl und Jenny Kahn gaben die Praxis und ihre Wohnung in „Alt Nied“ auf und zogen zu ihrer Tochter und den Enkelinnen in das Haus Oeserstraße 54. Mit Sondergenehmigungen konnten jüdische Ärzte noch als „Krankenbehandler von Juden“ tätig sein. Das traf auch auf Dr. Kahn zu.

Im Rahmen des Novemberpogroms 1938 wurden auch bei den Kahns in der Oeserstraße Steine in die Fenster geworfen. Aus Angst vor weiteren Übergriffen verbrachte die Familie die nächsten Nächte in der Wohnung von Berthold Ettinghausen, dem Vorsteher der Jüdischen Gemeinde in Höchst. Am 10. November 1938 wurde Dr. Kahn verhaftet. Von Höchst aus fuhren die NS-Schergen die verhafteten Juden auf offenen Lastwagen zur Festhalle. Sowohl dort als auch auf dem Weg in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar waren die Menschen Erniedrigungen und schweren Misshandlungen ausgesetzt.

Am 14. November 1938 emigrierte Else Goldschmidt mit ihren Kindern in die USA. 1990 schrieb sie: „Ich war mir bewusst, dass da kein Wiedersehen möglich sein würde.“ Sie schrieb auch, dass die Ausreise der Eltern an der Einwanderungsquote scheiterte. Nach der Entlassung in Buchenwald am 28. November 1938 kehrte Dr. Kahn gänzlich kahlgeschoren und total entkräftet nach Nied zurück.

Nach der Vermögensanmeldung erfolgte für Juden der Zwang zum Verkauf von Häusern. Käufer des Hauses der Familie Kahn war der Reichsbahnrat Karl Hönmann. Er war freiwillig dazu bereit, mehr zu bezahlen, was das Bauamt beanstandete. Über das Geld durften die Kahns eh nicht verfügen. Es kam auf ein Sperrkonto, von dem sie nur relativ geringe Beträge abheben konnten. Im Vertrag wurde zudem festgelegt, dass die Kahns die Parterrewohnung, sowie den Garten „bis zur Auswanderung“ nutzen können.

Am 20. April 1942 schrieben die Kahns einen Brief an ihre Kinder, in dem sie ankündigten, sich das Leben nehmen zu wollen. Da sie diesen Brief zunächst für sich bewahrten, schienen sie noch Hoffnung zu haben. Am 10. Juni 1942 schrieb Carl Kahn jedoch auf den linken Rand des Briefes: „Das Maß ist voll, es bleibt uns kein Ausweg mehr. Freut Euch, daß wir heute unser Leben beenden konnten.“

Quellen: