Portraitfoto von Lorenz Breunig, um 1920

Breunig, Lorenz


Biografische Daten

Portraitfoto von Lorenz Breunig, um 1920
Portraitfoto von Lorenz Breunig, um 1920
Name:Breunig, Laurentius „Lorenz“
Geboren:11. August 1882 in Weilbach (Unterfranken)
Beruf:Eisendreher
Wohnorte:Weilbach, Aglasterhausen, Mannheim (1904-1907), Weilbach (1907-1910), Frankfurt (Main) (ab 1910), ab 1920 Berlin;
Charlottenburg Brombeerweg 13; Anfang 1933 erzwungener Umzug nach Berlin Pankow, Miltenberger Weg 9
Bahnbeginn:1917 bei der Preußischen Eisenbahnverwaltung
Gewerkschaft:spätestens 1906 DMV, vermutlich ab 1916 Mitglied im DEV / EdED
Funktionen:Mitgründer Verband junger Arbeiter Mannheims, dort Schriftführer
November 1918 – November 1919 Arbeiterrat bei der Eisenbahn in Frankfurt (Main)
Teilnehmer der 1. Reichskonferenz der Eisenbahn-Arbeiterräte Deutschlands, 3.-5. April 1919 in Frankfurt (Main)
ab 1919 Sekretär im Hauptvorstand des DEV, später des EdED, dort Leiter der Betriebsräte- und Rechtsabteilung
Teilnehmer 3. Generalversammlung (GV) des DEV und aller GV des EdED
Redakteur der Betriebsrätezeitung
mehrfach als Teilnehmer zu ITF-Kongressen delegiert
Partei:ab 1906 SPD, 1918-1922 USPD, dann wieder SPD
Funktionen:Juni 1920 bis Mai 1924 Mitglied des Reichstags
1926, 1928 und 1930 Kandidat für denselben
Mitglied im Konsum- und Arbeitergesangsverein
Beisitzer im Arbeitsgericht
Mitglied der Volksbühne
Widerstand:zusammen mit Franz Apitzsch Aufbau und Anleitung einer eigenen Widerstandsgruppe ehemaliger EdED-Funktionäre, anfangs gemeinsam mit Paul Beyerling; Tarnung durch seine Vertretertätigkeit; Verbindungen u. a. zur Widerstandsgruppe um Max Urich, Otto Brass und Hermann Brill; Teilnahme an illegalen Treffen, auch an einer illegalen Maifeier mit Kollegen am 1. Mai 1938, Sammlungen für inhaftierte Kollegen und deren Angehörige sowie Verbreitung illegaler Schriften; Kontakte zu Gewerkschaftskollegen im Ausland, zum Teil dort auch Treffen mit denselben; im KZ illegale Arbeit, u. a. geheime Zusammenkünfte politischer Häftlinge
Verfolgung:wenige Tage nach der Zerschlagung der Gewerkschaften Vertreibung aus der Wohnung in Ruhleben; in der neuen Wohnung Überfall durch SA; 1937 Ermittlungen in einem Verfahren wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“, das dabei nachgewiesene gelegentliche Lesen illegaler Schriften und Hören von Radio Moskau blieben folgenlos; erste Inhaftierung am 23. Mai 1939 in Aachen, Untersuchungshaft in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße; zweite Festnahme am 1. September 1939 im Zuge der sogenannten „A-Kartei-Aktion“, zunächst Berliner Polizeigefängnis am Alexanderplatz, wenig später KZ Sachsenhausen; 14. Oktober 1939 bis 14. Februar 1940 Untersuchungsgefängnis Plötzensee, anschließend wieder KZ Sachsenhausen, Häftlingsnummer 1974, Block 24; 8. April bis 5. Mai 1941, als Häftling Nr. 18087 Aufenthalt im Krankenbau; Einsatz zum Strümpfe stopfen und im Heinkelwerk
Gestorben:Lorenz Breunig wurde am 15. Februar 1945 in der Gaskammer des KZ Sachsenhausen ermordet.
weitere Infos:Seine Ehefrau Anna Breunig, beteiligte sich an der Verteilung illegaler Schriften und unterstützte ihren Mann sowie auch andere Widerstandskämpfer bei der illegalen Arbeit. Breunigs Tochter Paula war mit Wilhelm Dressel verheiratet, der zum Widerstandskreis um ihren Vater und Franz Apitzsch gehörte und sich an deren Aktivitäten beteiligte. Sie selbst versorgte die Gruppe mit Informationen, die sie als Angestellte bei der DAF erhielt. Breunigs Sohn Heribert war an den illegalen Aktivitäten der kommunistischen Widerstandsgruppe um Anton Saefkow beteiligt.

Gedenken:

Lorenz Breunig wurde zu DDR-Zeiten auf einer Sonderbriefmarke geehrt. Seine Frau wurde als Verfolgte des Naziregimes anerkannt. Am Haus des letzten Wohnortes von Lorenz Breunig ist eine Gedenktafel angebracht. 2012 ließen Mitglieder der EVG vor demselben Haus ihm zu Ehren einen Stolperstein verlegen. Der damalige Bundespräsident würdigte Breunig 2013 im Rahmen einer Rede, die er anlässlich des 80. Jahrestages der Zerschlagung der Gewerkschaften hielt.

Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen befindet sich ein Gedenkstein, der an den ermordeten Gewerkschafter erinnert. Eine der 96 Gussplatten, die auf dem Platz der Republik verlegt wurden und die an die einstigen Reichstagsabgeordneten erinnern, die das NS-Regime ermordete, ist Lorenz Breunig gewidmet. Daneben gehört sein Name zu denen, die auf der Gedenktafel vermerkt sind, die die GdED am 9. Mai 1983 in ihrer Zentrale in Frankfurt/Main einweihte.

An seinem Geburtsort in Weilbach stiftete der SPD-Ortsverein einen Gedenkstein. Eine Straße entlang der dortigen Eisenbahnlinie trägt auf Veranlassung des Heimatvereins seinen Namen. Außerdem finden dort regelmäßig zu seinem Todestag Gedenkveranstaltungen statt, zuletzt 2025 auch unter Beteiligung von Mitgliedern der EVG Geschichte.

Biographie:

Laurentius Breunig – so sein eigentlicher Name – kam am 11. August 1882 in Weilbach (Unterfranken) zur Welt. Der Schulzeit folgten eine Ausbildung zum Eisendreher und die damals übliche Wanderschaft. Bereits während seiner Jugendzeit engagierte er sich gewerkschaftlich im von ihm mitbegründeten Verband junger Arbeiter Mannheims sowie im Deutschen Metallarbeiterverband, DMV. Über den Einsatz in einer französischen Eisenbahnwerkstätte kam Breunig nach dem Ersten Weltkrieg zur Königlich Preußischen Eisenbahn nach Frankfurt/Main. Auch hier setzte er sich äußerst aktiv für die Rechte seiner Kollegen ein, beteiligte sich beispielsweise führend in der Rätebewegung und nahm an der Reichskonferenz der Eisenbahner-Arbeiterräte Deutschlands teil.

Aufgrund seines Engagements und seiner Kenntnisse wurde er bereits im November 1919 zum Gewerkschaftssekretär im Hauptvorstand des DEV gewählt, dem er später sogar als ordentliches Mitglied angehörte. Breunig baute die Betriebsräteabteilung des Verbandes auf, fungierte später als Leiter der Rechtsabteilung und war zuständig für die Betreuung der Betriebs- sowie Beamtenräte. Zu seinen Mitarbeitern zählten unter anderem Hans Jahn sowie der eingangs zitierte Willy Pichtsmeyer. Bis 1933 entwickelte er sich zu einem ausgewiesenen Experten im Arbeitsrecht, der die Interessen der Eisenbahner*innen auch auf internationaler Ebene, beispielsweise als Delegierter auf mehreren Kongressen der Internationalen Transportarbeiter-Föderation ITF vertrat. Auch auf parteipolitischer Ebene war der sechsfache Familienvater äußerst aktiv. Im Alter von 24 Jahren schloss er sich der SPD an. Als linker Sozialdemokrat wechselte er 1918 zur USPD, für die er 1920 sogar zum Mitglied des Reichstags gewählt wurde. Für vier Jahre kämpfte er daraufhin im höchsten Parlament des Deutschen Reichs für ein besseres Leben aller Eisenbahner*innen. Auch nachdem er 1922 zur SPD zurückkehrte, kandidierte er regelmäßig für den Reichstag und nahm für seine Gewerkschaft als Experte an innerparteilichen Gesprächsrunden der Reichstagsfraktion teil.

Als die im ADGB organisierten freien Gewerkschaften infolge der Machtübernahme Hitlers versuchten ihr Überleben zu sichern, indem sie sich an die neuen Machthaber anpassten, legte Breunig als bekannter, linker Sozialdemokrat am 29. März 1933 sein Vorstandsmandat im EdED nieder, „um einer Neuausrichtung des Verbandes nicht im Wege zu stehen.“ Persönlich war er jedoch weit davon entfernt, sich dem neuen System anzupassen, geschweige denn, sich dem Terror der Nazis zu beugen. Daran konnten auch die Umstände nichts ändern, dass die Familie Breunig von den NS-Schergen aus ihrer Wohnung in einer Charlottenburger Gewerkschaftssiedlung gejagt und hier, in ihrer neuen Wohnung am Miltenberger Weg, gleich in der ersten Nacht durch die SA überfallen wurde. Der überzeugte Gewerkschafter nahm den Widerstandskampf gegen das faschistische Regime auf.

Gemeinsam mit Franz Apitzsch und Paul Beyerling – beides ebenfalls ehemalige Gewerkschaftssekretäre des EdED – baute er eine Widerstandsgruppe auf, die sich vorwiegend aus ehemaligen Angestellten des Verbandes zusammensetzte und die über ein recht weit verzweigtes Netzwerk von Verbindungen zu anderen Widerstandsstrukturen sowie ins Ausland (u. a. IGB) verfügte. Die Mitglieder der Gruppe verteilten illegal aus Prag und Paris eingeschmuggelte Druckschriften und Flugblätter, sammelten Gelder zur Unterstützung verhafteter Kollegen und hielten konspirative Treffen ab, auf denen sie die aktuelle politische Lage sowie die Nachrichten der „Auslandssender“ diskutierten.

Am 1. Mai 1938 nahm die Gestapo im Anschluss an eine illegale Maifeier einen Teil der Funktionäre fest, musste sie jedoch schon am Folgetag aufgrund fehlender Beweise wieder entlassen. Auch wenn sich Breunig nicht unter ihnen befand, so stand auch er von nun an unter verstärkter Beobachtung. Als er am 23. Mai 1939 von einem Treffen mit belgischen Eisenbahnern und Gewerkschaftern ins Deutsche Reich zurückkehrte, inhaftierten ihn die Nazis, offenbar jedoch ohne etwas Belastendes zu finden. Bereits nach wenigen Tagen kehrte er zu seiner Familie nach Pankow zurück.

Im Zuge des Überfalls auf Polen verhafteten die NS-Kriegstreiber systematisch bekannte ehemalige Funktionär*innen der linken Parteien und ihrer Gewerkschaften. Auch die beiden Führungskader Apitzsch und Breunig fielen dieser Aktion zum Opfer und wurden ins KZ Sachsenhausen deportiert. Wie aus erhaltenen Unterlagen der NS-Verfolgerbehörden hervorgeht, strengten diese nun ein Verfahren gegen die illegale Eisenbahnergruppe an. Der Generalstaatsanwalt teilte jedoch im Sommer 1940 mit, dass er die Ermittlungen gegen Breunig einstelle, „da eine höhere Bestrafung als 6 Monate nicht zu erwarten ist.“ Für die Nazischergen dennoch kein Grund ihn freizulassen. Aus dem Untersuchungsgefängnis Moabit verschleppten sie ihn zurück ins Konzentrationslager Sachsenhausen.

Auch unter den widrigen Umständen der „politischen Schutzhaft“ im Lager nahm Breunig dort noch an konspirativen Treffen ehemaliger Kollegen teil. Berichten seiner Mithäftlinge zufolge setzte er sich dabei vor allem auch für die Einigung der Arbeiterbewegung und die Überwindung der Gegnerschaft zwischen Mitgliedern von KPD und SPD ein.

Bis kurz vor seinem Tod stand Lorenz Breunig mit seiner Familie in Kontakt. Der letzte überlieferte Brief an seine Frau Anna stammt vom 11. Februar 1945. Vier Tage später wurde ihr Ehemann ermordet. Carl Vollmerhaus, einstiger Gewerkschaftsfunktionär und Mithäftling berichtete später: „Ich habe Breunig am Abend vor seinem Tode noch im Krankenrevier aufgesucht. Dabei sagte er mir, er sei ausgesucht worden und stände auf der Liste. Das bedeute für ihn, dass er vernichtet werden solle. […] Was mit ihm geschehen ist, kann ich nur vermuten. Nach Erzählungen in Häftlingskreisen, soll er sich noch auf dem Weg zum Industriehof widersetzt haben, was aber an seinem Schicksal nichts änderte.“

Bericht zum Gedenken am 75. Todestag

Quellen:

  • Stefan Müller, „Sozialist, Gewerkschafter, Widerstandskämpfer“, Broschüre der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen
  • Siegfried Mielke/Stefan Heinz, Eisenbahngewerkschafter im NS-Staat. Verfolgung – Widerstand – Emigration (1933-1945)
  • Eberhard Podzuweit, Widerstand von Eisenbahngewerkschaftern in Mittel- und Ostdeutschland
  • Bildquelle Portraitfoto: Reichstagshandbuch 1920, S. 421, in: Digitale Bibliothek des Münchner Digitalisierungszentrums, CC BY-NC-SA 4.0
  • Bilderquelle Tafel und Stolperstein: Christine Kühnl-Sager
  • Bildquelle Gedenkstein-Einweihung: Hanka Heise
  • Quelle übrige Bilder: Privatarchiv Anna Maria Betzl